Bis dato dachte ich immer, dass die ganzen Leute, die bei Starbucks, oder wahlweise in einem hippen Berliner Café, ihre Apple Computer vor sich stehen haben, an ihrem Kaffee schlürfen, auf die Tasten klimpern und ab und an auf ihre Uhr schauen, Hipster seien, die in der Öffentlichkeit das Arbeiten vortäuschen und in Wirklichkeit die ganze Zeit nur bei Facebook surfen.
Jetzt weiß ich es besser. Es können auch diese Art von Menschen sein, die am anderen Ende der Welt in einem 9qm Zimmer leben und keine Internetverbindung haben.
Der Kaffee kein Kaffee sondern ein Kakao, das Klimpern auf den Tasten deshalb, weil man gerne schreibt und der Blick auf die Uhr nur deshalb, weil man feststellen wollte, wie lang das kostenfreie Internet diesmal ohne Absturz ausgehalten hat oder ob es schon wieder an der Zeit für ein neues Getränk ist, um nicht aufzufallen, dass man nicht allein wegen des guten Schokoladenbananenbrotes sondern eher des kostenloses Internets Willen, zu Gast ist.
Das neue Leben besteht aus ein paar Schichten im Sportladen, in dem fleißig und unter ständiger Kontrolle der Vorgesetzten, Aufkleber geklebt und Umsatz gesteigert wird. Zeit also, die einen bleibt - trotz kleinen Reisen, Mittagspausen mit den Freunden an der Uni und Sport - um nachdenken zu können.
Da macht man sich Gedanken über Menschen, Freunde wie Bekannte, Erlebnisse und am Ende: die Zukunft.
Begegnungen, die man alleine, zu zweit oder mehreren erlebt hat. Freunde, denen man die Hand gehalten und deren Waschbecken man von Verstopfungen befreit hat, Menschen, die man berührt und gespürt hat. Freundschaften, die sich geändert oder beendet wurden, Bekannte, die sich doch als mehr herausstellen oder wieder andere Personen, bei denen ein Abstand von 15000 km noch nicht genug erscheint. Abstand zum alten Leben am anderen Ende der Welt. So schwirren die Gedanken und schnell komme ich nicht umhin mit zu fragen: schafft Distanz wirklich immer Klarheit?
Alltägliche Dinge, die man auch im neuen Leben erledigt, schlagen automatisch Brücken im Kopf. Da startet der Morgen mit einer Dusche, die wegen einer zu kurzen und unbequemen Nacht im kleinen Bett ein bisschen länger als sonst ausfällt und schon denkt man an die Person, von der man weiß, dass sie gern stundenlang duscht. Fertig gemacht mit schwarzem Rebel-Sport-Polo und knapper kurzer Hose auf dem Weg zur Arbeit spielt das iPhone, durch die Shufflefunktion dazu ermuntert, Phil Colliins mit "On my way". Eigentlich ein sehr passendes Lied und dann schlagartig: Das Bild einer anderen Person vor Augen, die man doch eigentlich längst hätte vergessen sollen. Auf der Arbeit zwischen Hanteln und Laufschuhen denkt man an einen alten Mitbewohner, mit dem man zu Celin Dion die witigsten Badezimmerkonzerte gab und in der Mittagspause von gerade mal 30 Minuten, in der man hastig sein Kleingeld zählt um sich eine Spinatquiche zu kaufen, denkt man an eine ganz bestimmte Person, bei der trotz gutem Essen seltsamerweise ein ziehen im Bauch entsteht. Nach der Arbeit beim Sport ist das iPhone zwar aus, für Musik wird über Lautsprecher und Bildschirme dennoch gesorgt. Ein Song und man denkt an jene Person, mit der man mal auf Reisen war, nun aber nicht mal mehr ein Geburtstagsgruß kommt. Abends beim schnippseln der Pfirsiche für mein legenderes Curry denkt man an die Person, mit der man das Curry nun am liebsten Löffeln würde. Und nachts, wenn das Hörspiel startet, starten die Gedanken an die Person, mit der man nun gerne im Bett liegen würde.
Trotz der Distanz, der Zeitverschiebung und den Ereignissen, die zwischen einem selbst und diesen gewissen Personen liegen, sieht man alle Dinge nicht immer klar. Die Freude, so viele Kilometer wie möglich Distanz zu schaffen, liegt nah beim Vermissen und dem Wunsch, die Distanz wieder auf wenige Zentimeter zu reduzieren.
Das ziehen im Bauch wird schlimmer und das komische Gefühl macht sich im ganzen Körper breit.
Also wird durchgeatmet, eine neue weiße heiße Schokolade bestellt und nach dem wiederholten Absturz der Internetverbindung und der Neuanmeldung wird eine der Personen, an die man die letzten Tage verstärkt denken musste, angeschrieben und gerade raus gefragt, ob man in letzter Zeit vielleicht nicht belogen wurde. Dann die Antwort. Das Bauchgefühlt trügte nicht und die Enttäuschung macht sich breit. Einen Augenblick später nicht nur körperlich sondern auch seelisch von jemanden entfernt.
Mit Abstand betrachtet erscheinen einige Dinge klarer, aber einige Gedanken lassen sich wesentlich schwerer zusammenfassen und betrachten. So nimmt die virtuelle Kommunikation ihren Lauf. Zeit vergeht, Städte des Umlandes Townsville erkundet, neue Leute aus Berlin werden kennen gelernt, Schichten im Sportladen abgearbeitet, unzählige von Kaffeepausen an der Uni genossen und Gedanken neu gefasst, sortiert und niedergeschrieben.
Die Wifiverbindung bricht immer mal wieder ab, aber so wie die Zeit zwischen Neustarten und Kakao trinken vergeht, so vergeht auch die Enttäuschung. Zu manchen Menschen zerreißt auch kein Band auf 15000 km Entfernung. Zu wiederum anderen wird mit der Zeit vielleicht nicht nur ein räumlicher Abstand entstehen.
Denn am Ende ist es doch so: Computer stürzen ab, Menschen sterben und Freundschaften zerbrechen und alles was wir tun können ist tief durchatmen und neu starten.
Der letzte Satz kommt mir irgendwie bekannt vor... ;)
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