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Eintrag 10: kleben oder nicht kleben


Die halbe Realität hat mich also wieder. Ein Zimmer in Tobis Nachbarschaft und nahe der neuen Arbeitsstelle wurde gefunden und der Job gestartet.
Der Alltag konnte also kommen.

Aber zuerst musste eine Grundreinigung her. Die neue Wohnung? Ein Saustall. Die letzte Reinigung? Wohl schon Jahre her. Ein Mitbewohner, der nach mehreren Gesprächen seinen schwitzigen und müffelnden Körper dennoch nicht zum putzen bewegt.
Handschuhe über, heißes Wasser laufen lassen und mit vielen Sprühflaschen voller Reinigungsmittel bewaffnet war das Gröbste beseitigt und das Wichtigste schnell wieder nutzbar.

Dann die wirkliche Arbeit. Ich als Sportwarenverkäufer? Das sollte doch gelacht sein. Schuhe, Kleidung, Hartwaren.  Eigentlich mein Fachgebiet.
All das habe ich doch Jahre lang relativ erfolgreich - gut sehen wir von der Ostblockzeit ab - verkauft.

Die Kollegen werden kennen gelernt, der Store erklärt. Da muss dieser Code eingegeben werden, hier jener, dort hängen jene und drüben jene Feuerlöscher. Küche, Materiallager, Büros. Das schwarze Brett, Infos, Umsatzzahlen und Store-Ergebnisse. 
Schnell bin ich mit allem vertraut. Eine schwarze, kurze Runningshort wird gekauft, dann das Teamshirt. Natürlich ein Polo. Alte Erinnerungen kommen hoch. Ganz in schwarz und mit neuem Namensschild bin ich also bereit für die Arbeit. 
Auf der Fläche will mir mein Chef nur  noch zeigen, wie ich meine Sticker drucken und bevors an die Arbeit gehen kann.
Bei einem Casual Member, wie ich einer bin, sollten drei Kunden pro Stunde etwas kaufen. Und um das zu kontrollieren und festzuhalten, müssen die Artikel mit einem Sticker versehen werden.

Schnell komme ich nicht umhin mich zu fragen: Wann ist es eigentlich dazu gekommen, dass das Stickerkleben nicht mehr zur Belustigung führt, weil man mal glänzende, mal mit filzüberzogene oder gar duftende Sticker auf dem Schulhof tauscht, sondern der Konkurrenzkampf und der Erfolgsdruck nicht mehr um das vollste Heft und die tollsten Motive geht, sondern um den Kunden, die Ware und letzten Endes den Umsatz und den Gewinn.

Warum ich mich am Ende doch gegen diesen Beruf entschieden habe, wird mir immer wieder bewusst.
Es ist nämlich nicht so einfach wie gedacht, die Sticker auf die Ware zu bekommen. 
Viele Kunden möchten keine Hilfe, manche nur anfänglich und später alleine weiter schauen, wiederum andere laufen sprichwörtlich nach einer kompletten Beratung mit ihrer Ware zur Kasse davon.
Neben einen neuen Warenaufbau, Preisreduzierungen der Altware, Dekoration des Schaufensters und Ordnung halten in den Abteilungen sollen Kunden natürlich nicht vergessen werden. Und das werden sie auch nicht.  Blickkontakt. Ein Lächeln und eine nette Begrüßung gehören zum Standardprogramm. Und das wird auch gerne erledigt. Schließlich sind die australischen Kunden immer freundlich und verstehen auch meinen Backpackerstatus.

So vergehen also täglich die Stunden im Rebel Sport Store. 
Immer wieder eine Erinnerung des Store Mangers über die Kundenanzahl, die bereits erreicht worden ist, immer wieder ein Griff zu den Stickern, immer wieder nette Kunden, immer wieder die selben Witze der Kollegen über den deutschen Akzent, immer wieder Probleme mit der englischen Sprache,  immer wieder die Hoffnung, das Tagesziel der Kunden erreicht zu haben. 

Und am Ende ist es doch so, dass eine Auffrischung des Wissens, dass die Entscheidungen, die man im Leben getroffen hat, einem ein gutes Gefühl vermittelt,  weil man - früher oder vielleicht auch später - feststellt, dass es die richtigen waren.

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