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Eintrag 21: run boy run



Ich komme zu spät. Heute am entscheidenen Tag komme ich in der Tat zu spät. Für meine Pünktlichkeit bin ich bekannt. Ein perfektes Timing gehört zu meinen besten Eigenschaften. Ausgerechnet heute, am wichtigsten Tag für das startende Studium, komme ich zu spät. Die Fachschaft unseres Studiengangs hat eine Stadtrallye durch Köln geplant, bei der man die Stadt, aber ganz wichtig seine zukünftigen Kommilitonen kennen lernen soll. Von Jenni weiß ich, dass diese Veranstaltung entscheidend für das zukünftige Soziale Umfeld sein wird. Verbindungen, die geknüpft werden, die einen wohl die nächsten Jahre durch die Uni begleiten werden. Sobald der Bus also zum stoppen kommt laufe ich zum Hauptgebäude rüber. Im Kopf male ich mir schon aus, dass die Leute bereits losgezogen sind und ich auf niemanden mehr treffen werde. Auf meinem Weg renne ich ungefähr 15 andere Erstis um, die genau wie ich auf dem Weg zu einer der zahlreichen Veranstaltungen sind, die heute stattfinden. Als ich dann endlich nass geschwitzt und schnell atmend ankomme, stehen die ganzen Leute noch vor dem Hauptgebäude. Dank Facebook und der hitzigen Diskussionen, die sich dort betreffend unseres Studienganges abgespielt haben, kenne ich auch schon einige Gesichter. Alle sehen bereits beschäftigt aus und spielen mit kleinen weißen Zetteln. Ich erfasse mit einem Blick wo die Organisatorin der Rallye steht und melde mich bei ihr und bekomme auch prompt einen Zettel mit einer Zahl in die Hand gedrückt, die mir sagen soll, in welche Kleingruppe ich mich einzufinden habe. Schnell ist meine Gruppe gefunden und schon stehe ich den sechs Leuten gegenüber. Die Zusammenstellung der Gruppe sieht aus wie aus einem Klischeewerbespot. Zwei besonders hübsche Girls, ein 190 cm großes Muskeltyp, eine kleines, süßes, stilles Mädel, eine sportliche Powerfrau und eine toughe, kleine Lady. 
Und kurz danach führt uns die Tour zum Rewe am Zülpicher Platz und dort kaufe ich sieben Kinderriegel. Mein Gewissen schreit, dass ich mir die Freundschaft der Leute erkaufen will, aber wie ich schon so oft im Leben feststellen musste, kann ein Kinderriegel eben einfach als kleine Geste gesehen werden und Personen Lächeln ins Gesicht zaubern.
Nach einigen zu Fuß zurück gelegten Kilometern durch Köln und Hotspots in Ehrenfeld, Nippes und Innenstadt, nach Trinkspielen mit Toast und Wodka, Fotosessions und Gruppenspielchen stehen Hanna und Sophia, Jeremy, Saskia und Anna, Laura und ich mit einem vorzüglichem Eintopf in der Hand am Rudolfplatz und philosophieren über das Leben, das Studium und unsere Biografien. Jeremy ist gerade 18, Hanna hat bereits eine Ausbildung und Anna sogar schon einiges an Berufserfahrung. 
Mein Lebenslauf mit Ausbildung, Abi auf dem zweiten Bildungsweg und unzähligen Jobs inklusive einer Reise für ein Jahr um die Welt ist da nicht ganz so strickt, wie bei manch anderen. Außerdem bin ich älter als meine neuen Kommilitonen, auch wenn man es mir vielleicht nicht auf den ersten Blick ansieht. Sollte ich irgendwann also mal einen Job in dem Bereich haben, den ich nun vorhabe zu studieren bin ich nach Bachelor und Master dann auch schon über 30. Dann muss ich mich also mit gut zehn Jahre jüngeren Leuten konkurrieren, die sich auf die gleichen Stellen wie ich bewerben werden.
Als wir dann also so im Herbstsonnenschein auf dem Rudolfplatz stehen und ich verträumt durch mein Gulasch mit Birnen und Nudeln rühre komm ich also nicht umhin mich zu fragen: wenn das Leben einem Wettlauf gleicht, wer genau spielt den Etappenschiere und wer bestimmt, wo das Ziel ist und nimmt die Zeit beim Einlauf?


Das Gefühl des Wettrennen im Leben macht sich nicht nur während der ersten Wochen in der Uni in mir breit, in der ich versuche, ein guter Student, Kommilitone, neuer ehrenamtlicher Mitarbeiter in der Aidshilfe, Aushilfe im Hotel, Sohn und guter Freund zu sein.

Selbst wenn es um die Männer und den Sex geht, speziell vielleicht im schwulen Milieu, kommt es mir vor, als müsse man immer besser, schneller und stärker sein. Oder vielleicht besser, schneller und härter als die Konkurrenz. Die Konkurrenz ist in dem Fall das Profil über einem, der Typ bei Grindr, der vielleicht 10 Meter näher ist oder der Typ neben einem auf der Tanzfläche.  Und gerade wenn es um das Härter geht, frage ich mich doch schon das ein oder andere Mal, was aus dem guten, alten Blümchensex geworden ist? 
Der schwule Mann an sich bekommt wohl regelmäßig Einladungen und Anfragen für reinen Sex. Ohne Gefühl. Ohne ein richtiges Kennen. Da wird der altbekannte One Night Stand noch einmal erheblich abgewandelt. Ich gehe sogar so weit zu meinen, dass das jedem von uns schon einmal so passiert ist. Und wenn dann solche Anfragen wie oben beschrieben per Nachricht kommen, dann werden erst einmal die kompletten Vorlieben und das bekannte Repertoire der Bettgeschichten abgefragt. Weit kommt man da mit den klassischen Dingen nicht. Ob der Tourist aus Berlin, der im Hotel am Heumarkt mit angelehnter Tür nackt im Bett wartet oder der Nachbar die Straße runter, der regelmäßig Leute für Sex auf das Dach seines Wohnhauses einlädt oder der Typ aus dem Süden, der sich gerne die Unterwäsche andere Leute schicken lässt oder der Typ aus dem Norden, der während des Aktes mit Damenkosmetik rumspielen möchte. All diese Jungs und Männer stehen für all jene, die gezielt oder unterbewusst nach dem Außergewöhnlichen Ausschau halten. Natürlich möchte ich nicht bestreiten, dass beim Sex das Außergewöhnliche nicht spannend sein kann, aber ich habe den Eindruck, dass über das Wettlaufen im außergewöhnlichem Sex auch mal die Technik auf der Strecke bleiben kann. Haben Männer die Angst beim gefühlvollen Sex ihren Kick nicht ausreichend zu bekommen oder ist es schlicht deshalb, dass man sich dem Gegenüber zu sehr öffnen müsse?
Vielleicht ist genau das das Problem, dass Blümchensex zu sehr den emotionalen Punkt trifft und die Ruhe dabei dem Wettlauf nicht gleich kommt.

Die folgenden Wochen nach dem Start des Studiums laufe ich also. Ich laufe zur Uni und über das Gelände zu all meinen Veranstaltungen. Ich laufe auf Parties rum und verteile für die Aidshilfe Kondome und betreibe Prävention. Ich laufe zum Hotel und durch die Zimmer und anschließend laufe ich Glühwein verkaufen. Ich laufe zur Familie, mit Freunden ins Kino, zur Blut- und Plasma spende. Und ich laufe also von Termin zu Termin. Und anstatt auf die Pulsuhr am Handgelenk schaue ich ständig in meinen Terminplaner. Er gibt mir den perfekten Rhythmus vor, taktet mich und ist Stütze, dass ich nicht stolpere. 
Ich selbst treibe mich also zu diesem Laufen an.
Nane hat mal gesagt, ich würde irgendwann an einem Herzinfarkt sterben. Rebi meint, ich bräuchte genau diesen Stress, damit alles läuft.

Jetzt, da die Klausurphase gestartet ist, die letzten Vorlesungen stattfinden, Projekte in den letzten Zügen stecken, Spots gedreht, Geschichten geschrieben und Skripte zusammen gefasst sind, sitze ich also in der Uni und lausche diesem Gastvortrag inmitten meiner Clique. In den ersten Tagen haben wir unsere Gruppe schon um Rebecca, Ines und Kevin erweitert. Und nun blocken wir immer gesamte Sitzreihen und treten überall in Rudeln auf.
Während also der Professor vorne über Musikalische Innovationen redet lächle ich in mich rein und erfreue mich meines Studentenleben. Auch, wenn die Route meines Lebens am Ende nicht dem klassischem Lebenslauf entspricht, so freue ich mich doch, diesen Weg eingeschlagen zu haben. 

Denn am Ende ist es doch so, dass das Leben kein Wettlauf ist. Und selbst wenn, dann tut es gut zu wissen, dass nur der Weg zum Ziel das Ziel ist.

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