"Allgemeine Verkehrskontrolle. Führerschein und Fahrzeugpapiere, bitte."
"Los Pikachu! DONNERSCHLAG!"
"Haben Sie mir da gerade einen Hamster an den Kopf geworfen?"
Mein Lachen schallt durch die ganze Messehalle. Nane und Denise laufen gerade neben mir und ich bekomme mich vor lachen gar nicht mehr ein. Der Witz war nicht für mich bestimmt. Nane wollte ihn Denise erzählen, aber mich hat er mit voller Wucht erwischt. Ich stolpere fast über meine eigenen Füße, so sehr bin ich mit Lachen und Bauchhalten beschäftigt.
Der zweite Tag der GamesCom ist vorbei und noch ganze vier Tage liegen vor uns und der Witz kam gerade sehr passend. Meine Laune ist im Keller. Es war ein anstrengender Tag, die Motivation am Boden. Die Besuchermassen der letzten Jahren blieben aus, ein fast komplett neues Team und Gehalt gibt es auch weniger.
Als ich vor wenigen Wochen den Anruf der Personalagentur bekam, dass sie mich gerne wieder in ihrem Team für die Promotion der Spiele auf der GamesCom haben wollten, fand ich das natürlich super. Weniger gut fand ich die Information, dass wir 2€ die Stunde geringer verdienen würden und auch die Zeit fürs Umziehen und Vorbereiten nicht mehr gezahlt würden. Und das Spiel, dass ich das letzte Jahr betreut hatte, würde dieses Jahr auch nicht vertreten sein. Ein neues Team war also garantiert.
Nicht nur, dass nun auch die letzten Wochen im Hostel angebrochen waren, da zum 1.10. das Studium starten sollte, musste ich mich also neben der Überlegung, ob es in Köln, Frankfurt oder Berlin für mich weiter gehen sollte, auch noch auf neue Leute einstellen vom Stress mit den Männern ganz zu schweigen.
Schnell kam ich also nicht umhin mich zu fragen: wenn ich bald das Hostel oder Köln verlassen würde, die Männer einen wie Auslegeware in einem Gemischtwarenladen behandelten oder als Mitarbeiter auf der GamesCom abgesagt hätte, würde es auffallen, wenn ich auf einmal nicht mehr da sei? Oder ist es gar ganz so einfach wie die Mundredensart: 'Hätt ich Dich nicht, hätt ich wen anders.'
Yasmin hat es wieder in mein Team auf der GamesCom geschafft. Melanie, Sarah und Dodo sind neu. Nane wie gewohnt nicht in meinem, sondern einem anderen. Das Spiel ist neu, die T-Shirt Größen und der gesamte Auftritt der Firma sowieso. Man könnte also meinen, dass sie auch uns als Mitarbeiter hätten einfach auswechseln können. Zum ersten Mal sind bei uns aber nur wenige mit dabei. Die meisten sind auch dieses Jahr wieder zurück gekommen. Zahlt sich Qualität also doch aus?
Die ersten beiden Tagen liefen schleppend. Einen Rüffel unserer Teamleitung dürften wir uns also kurz vor Feierabend auch abholen. Es würde mehr Motivation und Spaß von uns erwartet. Wenn schon nicht mit den ausbleibenden Besuchern, dann wenigstens unter uns Mitarbeitern.
Als ich also Freitagmorgen aufwache, nehme ich mir vor, den Tag lachend, singend und tanzend zu verbringen, mit meinen Kollegen zu shakern und den Sonnenschein wieder raus zu holen.
Mein iPhone vibriert als ich noch im Bett liege und kündigt eine neue Email an. Schlaftrunken öffne ich die Mail und mich durchfährt, noch immer unter der Decke liegend, ein kleiner Schauer. Die Humboldt Universität kündigt an, dass ich ab 1.10. einen Studienplatz in Berlin erhalten habe. Als ich eine gute halbe Stunde später mit heißem Kaffee für Nane am Bahnsteig warte, hat das Lächeln in meinem Gesicht nicht nachgelassen. Und als ich ihr verkünde, dass ich bald meine sieben Sachen packen und nach Berlin gehen werde, versteht sie meine Entscheidung, wenn auch etwas traurig.
Auf der Messe dann versuche ich schon gleich zu Beginn alle mit meinem neuen Pikachu Witz zum Lachen zu bringen und halte mein Vorhaben mit guter Laune den Tag zu meistern.
Nach dem 15. Mal "Los Pikachu! DONNERSCHLAG!" vibriert wieder mal mein iPhone und ich bekomme Urlaubsgrüße von Conrad aus Dänemark geschickt.
Conrad ist das beste Beispiel dafür, dass speziell in der Homowelt die Austauschbarkeit der Menschen ein leichtes ist. Seit einigen Tagen schreiben wir wieder ein paar Nachrichten hin und her.
Schon vor einigen Monaten, als ich in Hannover war, schrieb mir Conrad die erste Nachricht und wir fingen an virtuell nett zu flirten. Wir wechselten Nachrichten und gaben uns einem gutem, wenn auch nur virtuellem, Schlagabtausch hin. Irgendwann stellten wir dann auch noch fest, dass wir sexuell auf einer Wellenlänge lagen. Wir nahmen uns also vor, uns mal auf einen Tee zu treffen, wenn ich das nächste mal in Hannover wäre. Irgendwann bekam ich dann morgens mal wieder eine Nachricht von ihm. Diesmal war es aber anders. Er schrieb mir, er hätte gerade grandiosen Sex mit einem Typen gehabt. Ich war mehr als perplex. Das wir alle keine Unschuldslämmer sind, streite ich in keiner Form ab. Auf die Idee, einem Typen, den ich doch irgendwie interessant finde, solche Dinge zu schreiben, käme mir dennoch niemals in den Sinn. Es gibt eben Dinge, die passieren, die es aber keines weiteren Wortes bedarf. Mein Interesse, den Typen in Hannover kennen zu lernen, war urplötzlich erloschen. Die Tatsache, dass er keinerlei Verständnis für meine Ansicht der Dinge aufbrachte, machte es nicht besser. Auch, wenn man im Leben niemanden, speziell niemanden, den man nur flüchtig kennt, Rechenschaft schuldig ist, so ist das Vorführen von der Leichtigkeit der Auswechselbarkeit in meinen Augen verletzend und unangebracht.
Dennoch freue ich mich nun über die Urlaubsgrüße und teile Conrad auch gleich mit, dass ich bald nach Berlin ziehen werde. Für sein Verhalten vor einigen Monaten hat er sich schließlich ausgiebig entschuldigt und mir klar gemacht, dass er mich gern kennen lernen möchte.
Dass sein vorher so großes Interesse an mir nach einem schönen und gutem, zweistündigen Gespräch und wirklich tollem Sex schlagartig erloschen sein würde, malte ich mir da eben noch nicht aus.
Das neue Team und die Einstellung, Spaß untereinander bei der Arbeit zu haben, macht die Tage auf der Messe doch wieder kurzweilig und amüsant. Dodo erzählt die besten schwarzhumorigen Witze, Yasmin lässt selbst mich mit manchen Geschichten erröten, Melanie bekomme ich überzeugt, dass Leute, die einen Blog führen, keine komischen Tussen sein müssen, die ständig Schuhfotos posten, Sarah und ich rocken mit vollem Elan die FSK Kontrolle und durch die unterschiedlichen Teams können Nane und ich auch in den Pausen so viel Zeit wie schon lange nicht mehr gemeinsam verbringen.
Wir in unserem Team kommen schnell zu der Meinung, dass es anders als sonst ist, aber sicher nicht schlechter. Wir haben Spaß, lachen und amüsieren uns. Trotz neuer Leute. Also ist doch ein jeder zu ersetzen?
Als nur einen Tag nach der Messe eine Mail von der Personalagentur kommt, dass wir alle einen super Job geleistet hätten, ist eben nachweislich auch die Qualität unserer Arbeit die gleiche geblieben.
Dass ich zum nächsten Semester nach Berlin ziehen werde, bekommt die Familie per Sammel SMS verkündigt, im Hostel sorgt der Flurfunk dafür, dass sich die Neuigkeit schnell verbreitet und beim Spieleabend gebe ich zwischen Scrabble, Chili con carne und Saftschorlen meinen Freunden Bescheid. Da entsteht dann auch schnell die Diskussion, was sein wird, wenn ich nicht mehr in Köln bin. Wer sich dann um die Organisation der Spieleabende, das Netwerken und Co kümmern wird.
KuH hat meine Abwesenheit durch meine Weltreise damals nicht überlebt. Die Lücke des Organisators hat sich damals nicht geschlossen. Yvonne meint ebenfalls, dass ich eine Lücke in ihrem Kölner Leben hinterlassen würde, die sich nicht wieder besetzten ließe.
Jetzt, wo ich in meinem Zimmer stehe, meinen Kleiderschrank ausmiste, Dinge packe, die schon seit langem auf den Müll gehören oder Dinge, die ich erstmal in der Eifel unterstellen werde, schießen mir ein paar Gedanken durch den Kopf. Wie nett es von meiner Chefin war, mir mit einem Lächeln zu unterstellen, ich würde mich auf der Arbeit im Hostel unersetzlich machen und sie nicht wisse, was sie ohne mich nur machen würde, wie toll es von Torsten war, dass er sofort geplant hat, in welchen Abständen wir uns Besuchen würden, wie süß Marcels Postkarte in meinem Briefkasten lag, auf der die besten Glückwünsche für die Zukunft verfasst waren, wie begeistert Moritz war, dass wir uns nun endlich wieder regelmäßig sehen können, wie lieb es von Jenni und Johannes war, mir die Umzugshelfer spielen zu wollen, was wohl der Grund für die sporadischen Nachrichten von Conrad sind, die in unregelmäßigen Abständen noch kommen, wie gut es meinem Kontostand nun geht, nachdem die Personalagentur den super Einsatz auf der Messe gezahlt hat, wie Dennis' enttäuschtes Gesicht aussah, als ich mich schlussendlich nun doch in Köln für den Studiengang InterMedia eingeschrieben habe, mich somit also für den besseren Studiengang entschieden habe und wie schnell Tobias mir die Hilfe bei der Renovierung meines Zimmers anbot.
Also ist die Frage, ob ich oder jemand anders ersetzt werden kann oder nicht, erst einmal verschoben. Und ob es darauf eine genaue Antwort gibt, sei ohnehin dahingestellt.
Denn am Ende ist es doch so: Für die Welt ist man nur jemand, aber für jemand - sei es auch nur für den Moment - bedeutet man die Welt.
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