Früher hat es mich nervös werden lassen. Jetzt bin ich ganz relaxt. Lächle sogar, während mir Frau Kuhlmann direkt in die Augen schaut.
Das kleine Briefchen zwischen meinen Fingern, das langsam die Wanderung durch die Reihen nimmt und heimlich mal über und mal unter dem Tisch weiter gereicht wird, bis Michaela oder Yvonne endlich den Brief in den Händen halten, wurde schon zig mal auseinander gefaltet, bekritzelt und wieder gefaltet, durch verschwitzte Hände gereicht oder mal quer durchs Klassenzimmer geworfen. Jetzt sehe ich Micha lächeln, kurz einmal was auf den Zettel kritzeln und dann nimmt sie aus, während Frau Kuhlmann noch die Hausaufgaben an die Tafel schreibt und wirft ihn gekonnt und mit viel Schwung in meine Richtung. Er landet direkt vor Christopher, der ihn mir in dem Moment gibt als die Glocke läutet und wir alle aus der Klasse stürmen. Wieder ein Tag an der Realschule hinter uns gebracht. Während ich neben Christopher zum Bus eile, öffne ich das Briefchen, lächle, obwohl ich die Buchstaben schon hunderte Male gelesen hab und forme mit meinem Lippen die Abkürzung nach: HDGDL.
Jetzt, fast ein ganzes Jahrzehnt nach Briefchen schreiben, Freundschaftsschwüren auf Ewigkeit und gemeinsam zum Spielen treffen, haben wir Socialnetworkfreundschaften oder Sexbekanntschaften von denen wir uns mal herzlich, manchmal weniger herzlich, aber sicher so gut wie nie mit den Buchstaben HDGDL verabschieden.
Während ich also durch Facebook Freundschaftsanfragen klicke und im Hintergrund Dionne Warwick ihren Hit von 1986 singt komme ich nicht umhin mich zu fragen:
Haben sich also Freundschaften in den Jahren so sehr verändert? Bedeuten die unter Tränen ausgesprochenen Wörter "Ich will Dich niemals verlieren" gar nichts mehr? Wie erlebt man Freundschaften und was macht einen Freund aus?
Früher wählte ich die 1710, traf mich zum Baumrutschen, wählte die 673, hörte mir gemeinsam Udo Jürgens auf Vinyl an, wählte die 1786, fischte Babykarpfen aus dem Fluss oder wählte die 8787 und tanzte zu Popmusik auf dem Bett.
Heute versuche ich mit Stefan einen Termin für einen gemeinsamen Kaffee zu finden, gleiche Kalender ab, reserviere Tische und freue mich über jede kurze Lunchverabredung, die dafür sorgt, dass ich meine Freunde auch im realen Leben noch einmal zu Gesicht bekomme.
Aus den Briefchen sind Whatsapps, eMails oder kurze Anrufe geworden. Meine Freunde leben nicht mehr mal eben die Straße runter oder im Nachbardorf. Befinden sie sich doch jetzt im Agnesviertel, auf der SchälSick, Brühl, Düsseldorf oder Bochum. Frankfurt, Mannheim, Trier oder München. Berlin, Hannover, Würzburg, im sonnigen Australien, in irgendeinem der massenhaften Staaten der USA oder sind quer in Europa verteilt.
Die Schule machte es einfach. Man sah sich jeden Tag, der Alltag war sich sehr ähnlich und die Distanz war nie wirklich vorhanden. Nun geht jeder seinen eigenen Weg, lebt sein eigenes Leben. Man nennt die Verabredungen nicht mehr spielen gehen und hat auch nicht nach 6 Schulstunden den ganzen Tag zur freien Verfügung.
Manche Leute sind nun gut in Freundschaften auf Distanz halten, andere dagegen weniger. Manche Leute glauben auch, das Freundschaften auf Distanz nicht funktionieren. Ich hab dagegen andere Erfahrungen gemacht. Im digitalen Zeitalter von Facebook, Mail, Skype, Fernbus, Billigairlines und BahnCard50 ist es wahr Gott schwer, aber nicht unmöglich.
Selbst Freundschaften, bei denen man sich Tage, Wochen, gar Monate nicht mehr gesehen hat, können funktionieren. Jetzt wo ich gerade im ICE von Hannover nach Köln sitze habe ich das passende Wochenende hinter mir um das noch einmal zu bestätigen.
Es war die Nacht als ich gerade wieder zurück in Deutschland war, als Hannes mich anrief und mir erzählte, was alles so bei ihm passiert war, während ich am anderen Ende der Welt gewesen war. Ein neuer Job, ein Umzug gen Norden. Hund, Doppelhaushälfte und anstehende Hochzeit. Ich lag im Bett und kam aus dem Lächeln nicht mehr raus. Ich freute mich für meinen ehemaligen Arbeitskollegen, Kurzzeitmitbewohner und guten Freund. Die Wochen zogen also ins Land und dann kam die Nacht, als ich nicht schlafen konnte und in Köln hellwach in meinem Bett lag. Mein iPhone klingelte und Hannes rief an. Ich hatte ihn in der Zeit immer noch nicht gesehen. Seit meiner Abreise vor über 16 Monaten nicht mehr. Und dennoch kam die Frage, die, als sie gestellt worden war, dafür sorgte, dass ich ganz sicher nicht mehr schlafen konnte. Hannes wollte wissen, ob ich im nächsten Sommer sein Trauzeuge sein wollte. Natürlich wollte ich. Und nun, da der Sommer und die Hochzeit nicht mehr lange auf sich warten lassen, wurde es also endlich mal Zeit auf einen Besuch in Hannover und der Doppelhaushälfte.
Und? Hatte die zeitliche und geographische Distanz zwischen Hannes und mir seine Tribute gefordert? Schwiegen wir uns an? Lachten weniger zusammen? Hatten uns nichts mehr zu erzählen? Im Gegenteil. Die Tage bei Hannes und Nora waren super. Freundschaften beruhen auf dem Prinzip: wahre Liebe rostet nicht - solange man daran arbeitet.
Dürfen Freundschaften also auch nicht enden? Können sie vielleicht auch nicht enden? Viele denken also, dass Distanz der größte Feind der Freundschaften ist. Ich persönlich denke es ist: die Zeit.
Da gibt es Freunde, mit denen man über Jahre die engste Freundschaft führt, die man sich vorstellen kann. Man erlebt Höhen und Tiefen, reist einmal um die Welt, übersteht Männer, Krankheit und Uniwechsel. Und dann zieht die Zeit ins Land und man lebt sich auseinander. Entwickelt sich in andere Richtungen. Und wenn man sich dann wieder sieht, dann ist das schön. Aber eben nicht mehr. Man sagt sich Hallo, hat sich darüber hinaus aber einfach nichts mehr zu sagen.
Rückblickend sagen, dass es dann nicht eine enge Freundschaft war? Schwachsinn.
Jede Freundschaft zwischen zwei Personen hat ihre Zeit und ihren Ort. Es sind Einstellungen und besonders die Lebensumstände, die uns zusammen führen und halten. Ändert sich einer dieser Komponenten, dann kann es sein, dass Freundschaften eben auch mal enden oder sich verändern. Das Schlimmste, was man dann tun kann, ist sich gegen die alten Freunde auszusprechen, zu brechen und einen Streit zu verursachen. Man sollte sich weiterhin mit Freundlichkeit und Ehrlichkeit begegnen. Schließlich hat man mit der Person gegenüber eine Menge erlebt, Geheimnisse getauscht und aufbewahrt.
Dann gibt es Freunde, die man seit Jahrzehnten kennt, auch mit ihnen hat man Höhen und Tiefen erlebt, Männer und Krankheiten überstanden. Job- und Ortswechsel. Man sagte sich 100te mal, dass man sich über alles auf der Welt gern hat und dann kommt die Zeit, in der SMS selten werden. Besuche sowieso. Ein schleichender Prozess, dass die Freundschaft zu ende geht?
Nein, einfach ein Zeichen, dass eine Phase gekommen ist, in der man gerade andere Dinge zu erledigen hat. Und man weiß, egal was kommt. Wenn es hart auf hart kommt, ist die andere Person da. Zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Dann gibt es Freunde, sogar die besten, die einen verletzen. Vielleicht nicht nur einmal. Vielleicht mit Dingen, von denen sie wissen, dass es den anderen verletzt. Menschen, die sich lieben, können sich am meisten verletzen. Gibt es Grenzen für Freunde? Was ist gestattet? Was verboten? Das müssen Freunde unter sich ausloten. Was eine Freundschaft aushält? Auch das ist unterschiedlich. Verletzungen hinterlassen Narben auf der Seele. Oft verletzt man sich wieder, bevor die alten Narben verheilt sind. Und oft ist es so, dass der Freund, der die Verletzung zugefügt hat der einzige ist, der für Heilung sorgen kann.
Freunde können also Segen und Fluch zugleich sein. Und jeder weiß, es kommt nicht auf die Menge, sondern auf die Freunde selbst an. Es kommt nicht auf das "wie-oft-sehen" an. Nicht auf das "wie-oft-melden". Nicht auf das "wie-oft-was-gemeinsam-unternommen". Alles ist Arbeit.
Und wie immer im Leben ist es doch so: man erntet das, was man sät.
Eben auch was Freundschaft angeht.
Das kleine Briefchen zwischen meinen Fingern, das langsam die Wanderung durch die Reihen nimmt und heimlich mal über und mal unter dem Tisch weiter gereicht wird, bis Michaela oder Yvonne endlich den Brief in den Händen halten, wurde schon zig mal auseinander gefaltet, bekritzelt und wieder gefaltet, durch verschwitzte Hände gereicht oder mal quer durchs Klassenzimmer geworfen. Jetzt sehe ich Micha lächeln, kurz einmal was auf den Zettel kritzeln und dann nimmt sie aus, während Frau Kuhlmann noch die Hausaufgaben an die Tafel schreibt und wirft ihn gekonnt und mit viel Schwung in meine Richtung. Er landet direkt vor Christopher, der ihn mir in dem Moment gibt als die Glocke läutet und wir alle aus der Klasse stürmen. Wieder ein Tag an der Realschule hinter uns gebracht. Während ich neben Christopher zum Bus eile, öffne ich das Briefchen, lächle, obwohl ich die Buchstaben schon hunderte Male gelesen hab und forme mit meinem Lippen die Abkürzung nach: HDGDL.
Jetzt, fast ein ganzes Jahrzehnt nach Briefchen schreiben, Freundschaftsschwüren auf Ewigkeit und gemeinsam zum Spielen treffen, haben wir Socialnetworkfreundschaften oder Sexbekanntschaften von denen wir uns mal herzlich, manchmal weniger herzlich, aber sicher so gut wie nie mit den Buchstaben HDGDL verabschieden.
Während ich also durch Facebook Freundschaftsanfragen klicke und im Hintergrund Dionne Warwick ihren Hit von 1986 singt komme ich nicht umhin mich zu fragen:
Haben sich also Freundschaften in den Jahren so sehr verändert? Bedeuten die unter Tränen ausgesprochenen Wörter "Ich will Dich niemals verlieren" gar nichts mehr? Wie erlebt man Freundschaften und was macht einen Freund aus?
Früher wählte ich die 1710, traf mich zum Baumrutschen, wählte die 673, hörte mir gemeinsam Udo Jürgens auf Vinyl an, wählte die 1786, fischte Babykarpfen aus dem Fluss oder wählte die 8787 und tanzte zu Popmusik auf dem Bett.
Heute versuche ich mit Stefan einen Termin für einen gemeinsamen Kaffee zu finden, gleiche Kalender ab, reserviere Tische und freue mich über jede kurze Lunchverabredung, die dafür sorgt, dass ich meine Freunde auch im realen Leben noch einmal zu Gesicht bekomme.
Aus den Briefchen sind Whatsapps, eMails oder kurze Anrufe geworden. Meine Freunde leben nicht mehr mal eben die Straße runter oder im Nachbardorf. Befinden sie sich doch jetzt im Agnesviertel, auf der SchälSick, Brühl, Düsseldorf oder Bochum. Frankfurt, Mannheim, Trier oder München. Berlin, Hannover, Würzburg, im sonnigen Australien, in irgendeinem der massenhaften Staaten der USA oder sind quer in Europa verteilt.
Die Schule machte es einfach. Man sah sich jeden Tag, der Alltag war sich sehr ähnlich und die Distanz war nie wirklich vorhanden. Nun geht jeder seinen eigenen Weg, lebt sein eigenes Leben. Man nennt die Verabredungen nicht mehr spielen gehen und hat auch nicht nach 6 Schulstunden den ganzen Tag zur freien Verfügung.
Manche Leute sind nun gut in Freundschaften auf Distanz halten, andere dagegen weniger. Manche Leute glauben auch, das Freundschaften auf Distanz nicht funktionieren. Ich hab dagegen andere Erfahrungen gemacht. Im digitalen Zeitalter von Facebook, Mail, Skype, Fernbus, Billigairlines und BahnCard50 ist es wahr Gott schwer, aber nicht unmöglich.
Selbst Freundschaften, bei denen man sich Tage, Wochen, gar Monate nicht mehr gesehen hat, können funktionieren. Jetzt wo ich gerade im ICE von Hannover nach Köln sitze habe ich das passende Wochenende hinter mir um das noch einmal zu bestätigen.
Es war die Nacht als ich gerade wieder zurück in Deutschland war, als Hannes mich anrief und mir erzählte, was alles so bei ihm passiert war, während ich am anderen Ende der Welt gewesen war. Ein neuer Job, ein Umzug gen Norden. Hund, Doppelhaushälfte und anstehende Hochzeit. Ich lag im Bett und kam aus dem Lächeln nicht mehr raus. Ich freute mich für meinen ehemaligen Arbeitskollegen, Kurzzeitmitbewohner und guten Freund. Die Wochen zogen also ins Land und dann kam die Nacht, als ich nicht schlafen konnte und in Köln hellwach in meinem Bett lag. Mein iPhone klingelte und Hannes rief an. Ich hatte ihn in der Zeit immer noch nicht gesehen. Seit meiner Abreise vor über 16 Monaten nicht mehr. Und dennoch kam die Frage, die, als sie gestellt worden war, dafür sorgte, dass ich ganz sicher nicht mehr schlafen konnte. Hannes wollte wissen, ob ich im nächsten Sommer sein Trauzeuge sein wollte. Natürlich wollte ich. Und nun, da der Sommer und die Hochzeit nicht mehr lange auf sich warten lassen, wurde es also endlich mal Zeit auf einen Besuch in Hannover und der Doppelhaushälfte.
Und? Hatte die zeitliche und geographische Distanz zwischen Hannes und mir seine Tribute gefordert? Schwiegen wir uns an? Lachten weniger zusammen? Hatten uns nichts mehr zu erzählen? Im Gegenteil. Die Tage bei Hannes und Nora waren super. Freundschaften beruhen auf dem Prinzip: wahre Liebe rostet nicht - solange man daran arbeitet.
Dürfen Freundschaften also auch nicht enden? Können sie vielleicht auch nicht enden? Viele denken also, dass Distanz der größte Feind der Freundschaften ist. Ich persönlich denke es ist: die Zeit.
Da gibt es Freunde, mit denen man über Jahre die engste Freundschaft führt, die man sich vorstellen kann. Man erlebt Höhen und Tiefen, reist einmal um die Welt, übersteht Männer, Krankheit und Uniwechsel. Und dann zieht die Zeit ins Land und man lebt sich auseinander. Entwickelt sich in andere Richtungen. Und wenn man sich dann wieder sieht, dann ist das schön. Aber eben nicht mehr. Man sagt sich Hallo, hat sich darüber hinaus aber einfach nichts mehr zu sagen.
Rückblickend sagen, dass es dann nicht eine enge Freundschaft war? Schwachsinn.
Jede Freundschaft zwischen zwei Personen hat ihre Zeit und ihren Ort. Es sind Einstellungen und besonders die Lebensumstände, die uns zusammen führen und halten. Ändert sich einer dieser Komponenten, dann kann es sein, dass Freundschaften eben auch mal enden oder sich verändern. Das Schlimmste, was man dann tun kann, ist sich gegen die alten Freunde auszusprechen, zu brechen und einen Streit zu verursachen. Man sollte sich weiterhin mit Freundlichkeit und Ehrlichkeit begegnen. Schließlich hat man mit der Person gegenüber eine Menge erlebt, Geheimnisse getauscht und aufbewahrt.
Dann gibt es Freunde, die man seit Jahrzehnten kennt, auch mit ihnen hat man Höhen und Tiefen erlebt, Männer und Krankheiten überstanden. Job- und Ortswechsel. Man sagte sich 100te mal, dass man sich über alles auf der Welt gern hat und dann kommt die Zeit, in der SMS selten werden. Besuche sowieso. Ein schleichender Prozess, dass die Freundschaft zu ende geht?
Nein, einfach ein Zeichen, dass eine Phase gekommen ist, in der man gerade andere Dinge zu erledigen hat. Und man weiß, egal was kommt. Wenn es hart auf hart kommt, ist die andere Person da. Zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Dann gibt es Freunde, sogar die besten, die einen verletzen. Vielleicht nicht nur einmal. Vielleicht mit Dingen, von denen sie wissen, dass es den anderen verletzt. Menschen, die sich lieben, können sich am meisten verletzen. Gibt es Grenzen für Freunde? Was ist gestattet? Was verboten? Das müssen Freunde unter sich ausloten. Was eine Freundschaft aushält? Auch das ist unterschiedlich. Verletzungen hinterlassen Narben auf der Seele. Oft verletzt man sich wieder, bevor die alten Narben verheilt sind. Und oft ist es so, dass der Freund, der die Verletzung zugefügt hat der einzige ist, der für Heilung sorgen kann.
Freunde können also Segen und Fluch zugleich sein. Und jeder weiß, es kommt nicht auf die Menge, sondern auf die Freunde selbst an. Es kommt nicht auf das "wie-oft-sehen" an. Nicht auf das "wie-oft-melden". Nicht auf das "wie-oft-was-gemeinsam-unternommen". Alles ist Arbeit.
Und wie immer im Leben ist es doch so: man erntet das, was man sät.
Eben auch was Freundschaft angeht.
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