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Eintrag 14: Mach Dich rar - be a star!

THINCREEK. Der Mocca, den ich mir am Flughafen gekauft habe, wurde nach dem ersten Schluck umgehend in den Mülleimer gepfeffert. Sagt mir noch mal jemand, Kaffee schmecke wie Kaffee, dem koche ich mal den perfekten Mocca!

Sich seine Zunge morgens um 6:30 Uhr an einem schrecklich schmeckenden Kaffee zu verbrennen, nachdem man auf dem Hinweg zum Flughafen auf dem Highway bereits das Knöllchen, dass sich an der Windschutzscheibe befand, verloren hatte, könnte mir ja eigentlich die Laune verderben, aber da stehe ich nun mit einem Lächeln. Flüchtig den Namen eines lieben Freundes als Übersetzung auf ein Blatt Papier gekritzelt auf dem man noch den Stadtplan von Melbourne erkennen kann. Um mich herum stehen Familien, einzelne Personen. Menschen mit kleinen Kindern. Menschen ohne. Blumen. Luftballons und große Plakate. Der Wartebereich eines Flughafen ist wohl mit einer der Orte, an denen Emotionen wie Freude und Glücksgefühl so geballt vorkommen, wie sonst nur selten.
Und ich mit meinem Lächeln. Erwarte ich doch nach Monaten des Wartens Kersten mit meinem Schild am Flughafen.

Natürlich habe ich für unsere kommenden fünf Wochen im Van schon einen groben Reiseplan, Städte, Sightseeing und Co ausgearbeitet. Es ist schließlich meine Abschiedstour und Kerstens Urlaub.
15000km ist er gereist. Einmal um die Welt. Da will man ja was geboten bekommen. So weit weg von zu Hause. Raus aus dem Alltag. Rein in eine neue Kultur. Weg vom Gewohnten. Weg von Familie, Kollegen, Freunden, Dates und Sexpartnern. Ein neues Land.

Kersten ist einer jener Freunde, der unter all denen, die das typische Kommentar "Ich komm Dich dann mal besuchen" haben fallen lassen, auch wahr gemacht hat. Die ersten Tage verbringen, wir neben Sightseeing in Melbourne, der Great Ocean Road, Canberra und Sydney, damit zu quatschen. Monate nicht mehr gesehen. So viel neues zu Erzählen.
Geschichten erzählen, sich austauschen über Geschehenes, Erlebtes, Vergangenes. Denn das ist es doch, was eine Freundschaft nährt: gemeinsam Leben. Wenn es auch nur Geschichten sind.

Da könnte man also meinen, dass in der Zeit der Abwesenheit, wenn einer der Freunde am anderen Ende der Welt ist, und das nicht, wie ursprünglich geplant 5 Monate, sondern fast ein ganzes Jahr, alle Stricke reißen, Freundschaften enden und man vergessen würde. Oder aber Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt werden müsse um den Kontakt so gut wie möglich aufrecht zu erhalten.

Natürlich sind da diese Art von Freunden, mit denen man sich vor seiner Abreise regelmäßig alle zwei Wochen zum kochen getroffen, sogar darüber hinaus einiges anderes gemacht hat. Von denen man aber seit dem Abflug aus Deutschland nichts mehr gehört hat. Keine Whatsapp, keine eMail. Nichts. Und täglich hofft man, dass, wenn man zurück ist, alles wieder wie früher wird.

Natürlich sind da diese Art von Freunden, die alle zwei bis drei Wochen einmal auf den "Gefällt mir Button" bei dem ein oder anderen neu geposteten Foto auf Facebook klicken. Da weiß man, sie leben noch und bekommen doch das ein oder andere mit.

Natürlich sind da diese Art von Freunden, die die ein oder andere Mail ungelesen ausstehen lassen, aber doch ab und an mal eben eine Nachricht um die halbe Welt schicken und nachfragen, wie es einem geht, um im gleichen Atemzug die neusten Dinge aus ihrem Leben preis zu geben und nach Ratschlägen fragen.

Natürlich sind da aber auch diese Art von Freunden, wie Hermann, Yvonne oder Dennis, die man zwar schon immer im Herz eingeschlossen hatte, die aber durch ihre regelmäßige Präsenz und Kommunikation besonders hervor stechen.

Und dann sind da jene Art von Menschen, auf die man scheinbar, sobald man am anderen Ende der Welt ist, eine gewisse Anziehungskraft ausübt. Vielleicht ist es weniger eine Anziehungskraft als das Wissen, dass man ihnen, weil man gerade am anderen Ende der Welt ist, nicht gefährlich werden kann? Oder ist es das Wissen, dass man auf einmal nicht einfach einen Anruf tätigen kann und sich nächsten Freitag mal schnell zum Sushi Essen auf den Ringen treffen kann? Oder ist es das Wissen, dass eine Weltreise die eigene Abenteuerlust anspricht? 

Da ist dieser junge Typ, den man schon kennt, seitdem er 17 war, mit dem man wöchentlich vor dem Fernseher TV Abende veranstaltet hat, den man besser kannte, als er sich selbst, der, nach einigem Hin und Her in seinem Leben, eine Facebooknachricht schreibt, und sich für die letzten Monate entschuldigt, in denen er die Freundschaft mit Füßen getreten und keinerlei Beachtung geschenkt hatte und hofft, dass wir wieder Freunde sein können, so wie früher, wenn der Abstand von 15000km verringert wurde.

Da ist diese alte Kindergartenfreundin, mit der man nach dem Turnunterricht gemeinsam Mittagsschlaf gehalten, mit der man die besten Jugendjahre verbracht  und dann der Lauf der Dinge die Veränderung der Freundschaft auf ein Minimum gebracht hat, von der man dann ganz überraschend eine zu Tränen rührende Postkarte im Briefkasten hat. Mit der Bitte, sich nach meiner Wiederkehr doch noch einmal zu treffen. Unterschrieben ist die Karte mit dem Spitznamen aus der  Jugendzeit.

Da ist dieser Typ, mit diesen blonden Locken, mit dem man vor Jahren für eine Zeit das Bett geteilt und den man als besten Küsser seiner Zeit stempelte, von dem man seit Jahren nichts gehört hatte, der aus dem nichts heraus eine Nachricht schreibt und sich nach meinem Befinden, dem Reisen und den Abenteuern erkundigt. Und die Nachrichten sind gefolgt von weiteren Nachrichten, die kommen.


Womöglich aber ist es eine Mischung aus all dem, dass diese und eine Menge anderer Leute, ob Tag oder Nacht, ob Unterwegs auf Geschäftsreise, in der Uni, auf der Arbeit, daheim im eigenen Bett, auf einer Party, im Fitnessstudio oder auf Heimatbesuchen bei ihren Eltern zu ihren Mobiltelefonen greifen lässt und bei mir auf der anderen Seite der Welt einen Ton und eine Vibration meines Mobiltelefon erzeugt, wenn sie mir eine Whatsapp, Facebooknachricht oder wahlweise eine eMail schreiben.

Nach meinem grandiosen Raodtrip mit Kersten verbleiben mir nun noch weniger als 35 Tage hier in Cairns bei Dan im fabelhaften Strandhaus bis ich wieder zurück bin in Deutschland, keine 15000km weit weg und dann wird sich herausstellen, wer nur beflügelt von Urlaubsgefühlen war oder wer es wirklich ernst gemeint hat.

Denn es ist doch so: Wahre Freundschaften werden im Leben gelebt und nicht auf einer virtuellen Plattform gemacht.

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